Das Pulverfass VfL Bochum 1848 hatte eine Lunte, die nicht gen Unendlichkeit ging. Gestern Abend, am 4. Oktober 2010 stand die Jahreshauptversammlung des Vereins auf dem Plan und, man kann es nicht anders sagen, das Pulverfass ist in die Luft gegangen.
Der Pottblog und die Lagerstätte von Andreas Wiemers haben bereits sehr gute und lesenswerte Artikel zum Geschehen verfasst, meine Wenigkeit (@cn3d) hat gestern versucht, mit @derblauekanal, @ruhrpoet und @awiemers ein wenig von der JHV in die Außen- bzw. Twitterwelt zu tragen.
Für mich persönlich fing der Abend schon dämlich an. Eigentlich wollte ich mich mit einigen Anderen der oben schon genannten Herrschaften vor “Anpfiff” im Haus Frein treffen, musste dann aber kurzfristig aufgrund eines kleinen Notfalls im Freundeskreis umplanen. Gegen 18:30 Uhr stand ich dann aber doch in der Schlange vor den Türen des RuhrCongress Bochum, der einen wohl vereinsgeschichtsträchtigen Abend erleben sollte.
Ich bin seit 2004 Mitglied beim VfL und besuche seit 2007 (18. Lebensjahr) regelmäßig die Jahreshauptversammlungen. Aber so ein Andrang wie gestern, dass war mir bereits beim Schlange stehen klar, hatte ich noch nie gesehen. Wie immer trug man sich bei Fr. Ternow in die Anwesenheitsliste ein und bekam dann eine Mappe mit Stimmzetteln und den Anträgen in schriftlicher Form ausgehändigt. Im Saal selbst sah es zu diesem Zeitpunkt (18:50) schon gut gefüllt aus, allerdings waren noch diverse Sitzplätze frei. Okay, der Eindruck von draußen trügte wohl doch…
Dem war aber nicht so, denn Ansgar Borgmann, der als Moderator durch den Abend führen sollte, kündigte bereits früh an, dass die Versammlung aufgrund der noch draußen wartenden Menschen später anfangen würde. Nach einer zweiten ähnlichen Mitteilung gab es dann bereits den ersten kleinen Aufreger im Saal. Die Türen wurden geschlossen, Borgmann teilte mit, dass aufgrund von Kapazitätsbeschränkungen keine weiteren Leute mehr hinein dürfen. Das erste laute Raunen und Kopfschütteln schon vor dem eigentlichen Beginn. In einem zweiten Saal sollte für diese Mitglieder, die nicht mehr hineindurften, Beamer und Beschallung aufgebaut werden. Inwieweit das durchgeführt wurde/funktioniert hat, kann ich leider nicht beurteilen. Natürlich konnte keiner damit rechnen, dass SO viele Mitglieder der Einladung folge leisten würden, aber es war doch der erste kleine Tropfen in das Glas, das schon fast nur noch aufgrund der Oberfläschenspannung nicht überlief.
Ich denke es wird so 19:45 Uhr gewesen sein, als Werner Altegoer, seines Zeichen Aufsichtsratsvorsitzender, die anwesenden Mitglieder begrüßte. Anfangs befanden sich nach Liste 657 Mitglieder im RuhrCongress, der Eindruck von draußen hatte sich also doch bestätigt. Drei mal so viele Menschen wie im letzten Jahr… Dann der nächste Aufreger: Die Mannschaft, sonst immer zumindest die Hälfte des Abends anwesend, sei “aus Platzgründen” nach Hause geschickt worden. Laute Buh-Rufe und Pfiffe. Diese Ausrede musste den Herrschaften der Vereinsführung gerade recht gekommen sein.
Die folgende Genehmigung des Protokolls war trotz der ein oder anderen Enthaltung nur Formalität.
Thomas Ernst, Vorstand Sport & Medien eröffnete die Reihe der Berichte mit seinem Vortrag zur sportlichen Situation und der Jugendarbeit.
Vor allem die mit Worthülsen gefüllte und mit schwer nachvollziehbaren Argumenten gefütterte Rede des Sportvorstandes [...]
Andreas Wiemers
hat auch mich mehrmals zum hin- und herbewegen des Kopfes veranlasst. Aber es war das, was man von Ernst erwarten konnte und wohl auch musste. Diese Rede gipfelte dann im Versuch, den Mitgliedern indirekt die nicht losgewordenen Spieler der Abstiegssaison mit als Konzept für diese neue Spiezeit zu verkaufen. Auch schnitt er die neuen Frauenteams an und erklärte einige Dinge zum Jugendkonzept.
Ansgar Schwenken, im Vorstand für den Bereich Finanzen zuständig, folgte mit seinem Bericht. Schwenken stellte wie gewohnt die Geschäftszahlen vor und präsentierte den Anwesenden die erstmalige Schuldenfreiheit mit einem positiven Eigenkapital zum 30. Juni 2010 von ca. 100.000€, kalkulierte aber gleichzeitig die jetzige Zweitligasaison mit einem Minus von 2,6 Millionen Euro. Mit viel Selbstironie und ein wenig Komik hat Schwenken wohl den wieder aufgebrachten Saal nach der Rede von Thomas Ernst ein wenig beruhigen können.
“Nach meiner Rechnung fehlen in ihrem Bericht 5 Millionen Euro”, wollte jemand bei der Aussprache festgestellt wissen und ließ Schwenken für eine Sekunde stutzig werden, der dann aber den Irrtum schnell und schmunzelnd aus dem Weg räumen konnte. In der schon angesprochenen Aussprache stand dann aber hauptsächlich Sportvorstand Ernst in der Schusslinie, die schon bald mehr einem Sperrfeuer und einer Einkesselung glich.
“Ich habe sie in der Vergangenheit einmal gefragt, ob sie ihre Zukunft beim VfL vom Klassenerhalt abhängig machen. Zu ihrem Glück sagten sie damals “Nein.”
Mitglied auf der JHV
Auf eine direkte Aufforderung zum Rücktritt antwortete Ernst sinngemäß, “wer keinen Erfolg hat, hat auch keine Argumente”, und “Ich werde heute Abend nicht zurücktreten”.
Soweit, so “gut”. Es ist schwer meine Gefühlslage am gestrigen Abend zu beschreiben. Es fing mit dem mulmigen Bauchgefühl beim Einlass an, wurde dann zu Angespanntheit und Nervosität und etwas Undefinierbarem. Und das schon jetzt bevor überhaupt jemand über die Anträge gesprochen hat. Was dann jetzt folgte, war der Anfang vom Untergang des Aufsichtsrats in seiner jetzigen Zusammensetzung. Normalerweise sind die Entlastungen des Vorstands und des Aufsichtsrats Formalia. Nicht so gestern Abend.
Ich behaupte, dass die meisten gestern Anwesenden sehr wohl wissen was genau diese Entlastung ist und wofür sie gedacht ist. Aber sie haben es als einzige Möglichkeit gesehen, dem Vorstand (hauptsächlich der Abteilung Sport) und dem Aufsichtsrat (insbesondere Werner Altegoer) zu zeigen, dass es so nicht weiter geht, dass der Verein keinem egal ist, dass wir alle uns um die Zukunft sorgen.
Der Vorstand ist bei 115 Enthaltungen und 196 Gegenstimmen knapp entlastet worden. Bei der Entlastung des Aufsichtsrats kam es dann zum Eklat. Es wurde abgestimmt, und die Hände passten überhaupt nicht zu den gezählten Stimmen. Laute Stimmen forderten eine Gegenprobe, eine neue Abstimmung. Altegoer aber weigerte sich vehement, nuschelte in sein Mikrofon: “Als Versammlungsleiter stelle ich die Entlastung des Aufsichtsrats fest.” Dann wurde der Lärm unfassbar, viele standen schon, mir rutschte, ganz ehrlich, fast das Herz in die Hose in diesem Augenblick. Das war der Moment in dem der Riss zu einem glatten Schnitt wurde und beide Seiten unwiderbringlich voneinander getrennt wurden. Das Chaos war perfekt. Altegoer weigerte sich weiter neu abstimmen zu lassen, berief sich auf juristische/rechtliche Beratung.
Die ersten wirklichen Anträge auf geheime, schriftliche Neuwahl und Auszählung. Auch beschwichtigende Stimmen versuchten Altegoer zu einer neuen Abstimmung zu überreden. Prof. Schütt schaltete sich ein und sah sich und die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats als Deppen die keine Ahnung hätten hingestellt. In diesen ganzen Tumulten, fast jeder versuchte zu Wort zu kommen, Rufe aus der Versammlung, habe ich auf meinem Platz gesessen und das alles fassungslos verfolgt.
@cn3d Michael Fassbender
Ich befürchte hier bricht gerade was gänzlich auseinander…
cn3d/status/26391464646
Es war gänzlich aus dem Ruder gelaufen. Werner Altegoer beschwerte sich wieder einmal über den Umgang miteinander, aber wie sagt man doch? Wie man in den Wald hineinruft… Dann wurde der Druck zu groß. Der “große Patriarch” gab nach und es sollte zu einer neuen Abstimmung kommen. Ich werde jetzt hier meine Tweets aus dieser Situation, durch Zeilen getrennt hintereinander wegschreiben:
Neuer Versuch, Prozedur ist die gleiche, keine geheime Wahl.
Das sind definitiv zu viele Gegenstimmen.
Vom Eindruck her mehr als die Hälfte.
Puh. Schwierig.
Ähnlich viele Pro Stimmen…
Ist gezählt, jetzt die Rechnung…
Gegenstimmen: 309; JA knapp über 200
Altegoer tritt zurück.
Hälfte des AR tritt auch zurück
Jetzt wird es ein Chaos.
Der tosende Applaus, die fassungslosen Gesichter, das Chaos als Werner Altegoer wieder einmal nuschelnd verkündete: “Damit ist dann auch meine Arbeit für den VfL beendet”. Die aufflammenden Diskussionen, der Rücktritt anderer Aufsichtsratsmitglieder, der Saal war kaum zu beruhigen. Verständlich nach diesem Eklat. Es sollte ein Denkzettel sein. Ein Weckruf. Jemand forderte den Ehrenpräsidenten Ottokar Wüst zu einer Rede auf, dieser kam der Bitte nach. Er sprach von Fehlern die gemacht wurden, forderte eine außerordentliche Mitgliederversammlung, Einbindung alter, verdienter Spieler. Dann, Altegoer trat nach: “Ich weiß genau so von den Fehlern die du gemacht hast, Otto.” Ein unglaublicher Geräuschpegel, zum wiederholten Male.
Ich wette viele haben sich gedacht: Danke Werner, aber regle deine Nachfolge und dann geh. So ist es nicht gekommen, und ich denke mit dieser Situation hatte auch keiner gerechnet. Hätte Altegoer der Gegenprobe sofort zugestimmt, ich bin mir sicher, es wäre knapp geworden, aber der Aufsichtsrat wäre entlastet gewesen. So schürrte sich die Glut und wurde zum lodernden Brand im RuhrCongress.
Aufgewühlt und immer noch nicht klar denken-könnend ging es dann ‘einfach so’ weiter mit dem nächsten Punkt der Tagesordnung, die nur noch den Teil “ordnung” enthielt, weil er zum Terminus einfach dazugehört, der Nachwahl eines Mitglieds des Aufsichtsrats. Es gab nur einen Kandidaten, Kabarettist Frank Goosen wurde vermutlich ohne Gegenstimme gewählt, so genau hat das niemand mehr gezählt. In seiner Rede war er ratlos, sprachlos, überfordert. Und fand dennoch die richtigen Worte, nahm nach seiner Wahl seinen neuen Platz auf dem Podium ein.
Es ging immer weiter, auch die vier Kandidaten für den Wahlausschuss stellten sich vor und in der dann folgenden geheimen Wahl wurden die Drei mit den meisten Stimmen gesucht. Während der Auszählung wurden die Ehrungen ausgesprochen, insbesondere Ottokar Wüst, der für 75 Jahre Vereinsmitgliedschaft ausgezeichnet wurde, erntete Standing Ovations. Als das Wahlergebnis dann vorlag, Frau Kerstin Kliß und die Herren Günter Bernhörster sowie Roland Mitschke wurden gewählt, es war kein zweiter Wahlgang notwendig, folgten bereits die Anträge.
Der erste Antrag, bezugnehmend auf die Wahrnehmung der Fans ausserhalb, der eigentlich keiner war, sondern eine Wortmeldung bzw. Anregung, wurde genauso aufgefasst und erhielt dementsprechend wenig Zustimmung. Folgende Anträge betrafen die Satzung. Jener von Herrn Lange wurde aufgrund von Formfehlern zurückgeweisen, Wir sind VfL zog seine Anträge der Situation wegen zurück. Die letzten beiden Anträge bezogen sich auf die FIFA Frauen WM 2011 und wurden in den Berichten bereits geklärt, waren also Makulatur.
Dann schloß Werner Altegoer die Versammlung und dankte den Anwesenden.
Bumm, Ende. Aus.
Zum Schluss noch einmal ein Zitat von Andreas Wiemers über Frank Goosen, das neu gewählte Mitglied im Aufsichtsrat, dass ich ebenfalls nur hundertprozentig unterschreiben kann.
Wer als Neueinsteiger unmittelbar nach den Rücktritt von fünf Aufsichtsratsmitglieder so adäquat reagiert, hat vom Vereinsleben und -führung deutlich mehr verstanden als viele derjenigen, die an diesem Abend die Flucht ergriffen haben!
Andreas Wiemers
Auf die Äußerungen eines gewissen G. Pohl, der nach Ende der Versammlung an uns vorbei wetterte, und die geschrieben Berichte in “seinem” Reviersport” will ich hier gar nicht mehr eingehen. Es ist mir einfach absolut zu dämlich auf so ein lächerliches und von persönlichen Fehden getriebenes Getue auch nur den Hauch einer Erwiderung zu schreiben.
PS: Bitte seht mir etwaige Fehler nach, der Kopf ist auch am Tag danach noch nicht wirklich frei. Sollte ich irgendwelche größeren inhaltlichen Böcke geschossen haben, bitte melden, wird dann korrigiert.
Glück Auf.